NordseeOstsee

Als wir die West- / Ost-Friesen rechts liegen ließen

759 Tage bis zum Umzug auf´s Schiff

Heute Morgen sind wir um 09:10 nach 256 Seemeilen und 49,5 Stunden in Cuxhaven beim SVC eingelaufen.
Der Törn war zweigeteilt. Der erste Teil war entspanntes Raumschotsegeln und den zweiten Streckenabschnitt haben wir unter Motor erfahren. Aber der Reihe nach.

In den Tagen vor unserem ersten, großen Streckenabschnitt beobachteten wir das Wetter in den unterschiedlichsten Vorhersagen. Nach einem Frühjahr mit wochenlangen Ost- und Nordwind, den wir nicht gebrauchen konnten, zeichnete sich eine grundlegende Änderung der Wetterlage ab. Wir wollten von Stellendam, der Schleusenausgang vom Haringvliet in die Nordsee, dann die holländische Küste entlang nach Norden und weiter entlang der West- und Ostfrisischen Inseln in die Elbe nach Cuxhaven. Einen guten Plan hatten wir uns zurecht gelegt und für die Gesamtstrecke 50 Stunden veranschlagt.
Los gehen sollte es am 31 Mai gegen 08:00 Uhr in Stellendam, Ankunft war dann für den Vormittag am 02. Juni in Cuxhaven geplant. Und sollte uns zwischendurch der Wind nicht hold sein, egal, wir hatten hinten heraus genügend Zeit. Aber zurück zu den Wettervorhersagen.

Die Meteorologen waren sich nicht einig, es waren alle Windrichtungen im Angebot, dazu passte dann auch das ebenfalls in Zeit und Stärke Uneinigkeit herrschte. Also was tun? Eine alternative Route quer durch die Niederlande nehmen oder weiter positiv Denken und hoffen, es wird schon werden denn “geduldiger Skipper hat immer guten Wind”. Wir entschieden uns für das Letztere und hofften auf eine Wettervorhersage die genau unseren Plan unterstützte. In den letzten beiden Jahren hatten wir uns schon häufiger den Vorhersagemodellen von Windy bedient und damit positive Erfahrung gesammelt. Die Vorhersagen konkretisierten sich von Tag zu Tag und die anderen Vorhersagemodelle passten sich immer mehr denen von Windy an. Nach Ende des Törns kann ich sagen, die Vorhersagen sind zu 100% in Richtung und Stärke des Windes und allen angekündigten Veränderungen eingetroffen. Klasse Windy!

Los ging es dann am Freitag 31. Mai um 8:40 Uhr. Susi hatte für den langen Törn am Abend vorher noch ihren super leckeren, pikanten Nudelsalat vorbereitet und wir hatten noch Reste von unserer Abschiedsfeier mit Familie und Freunden, denn auf der Nordsee kochen gestaltet sich erfahrungsgemäß schwierig. Zunächst ging es von Stellendam durch das Fahrwasser zur Nordsee, dort war Segel setzten angesagt. Nach zwei Stunden erreichten wir das Fahrwasser Maasgeul, über das die Großschiffahrt  in den Europort Rotterdam ein- und ausläuft. Der Anmeldung über Funk zum Queren des Fahrwassers folgte die Aufforderung, noch zwei einlaufenden Schiffen Wegerecht zu lassen um anschließend nach Norden das Fahrwasser passieren zu können.
Hier wollten wir das erste Mal unsere neue Windfahnensteuerung Pacific von Windpilot in Betrieb nehmen. Idealerweise sollte sie uns steuern bis zur Einfahrt in die Elbe. Wir wären ungebunden, konnten anderen Dingen nachgehen oder einfach nur die Seele baumeln lassen, auf´s Wasser schauen und den Gedanken freien Lauf lassen. Wir hatten uns nach intensiver Recherche und mehreren intensiven Telefonaten mit Peter Förthmann für dessen Anlage entschieden. Peter Förthmann hatte uns speziell für unseren Schiffstyp noch einige Modifizierungen empfohlen. Gefühlt waren es wenige Minuten und einige Handgriffe und die Pacific übernahm das Steuern. In den ersten 24 Stunden hätten wir überhaupt nicht eingreifen müssen, hätten wir nicht verschiedene Windparks und Ankerfelder der Großschifffahrt vor der niederländischen Küste umfahren müssen. Die Pacific arbeitet zuverlässig, geräuschlos, ohne Wiederworte ;-)) und ist super leicht zu bedienen,9 dank der Empfehlungen von Peter Förthmann. Danke für diese Unterstützung. Wir können die Anlage guten Gewissens weiter empfehlen und werden das auch tun, aus voller Überzeugung.

Wir hatten uns für die erste Nacht einen Wachrythmus von drei Stunden ab 21 Uhr vorgenommen. So hatte jeder von uns bis zum Morgen zwei mal Wache und zwei mal Schlafenszeit. Susi übernahm die erste Wache. Sie hatte sich dick eingemummelt und wollte, ausgestattet mit einem Hörbuch, in die untergehende Sonne und die hereinbrechende Nacht hinein segeln. Ich konnte mich derweil schlafen legen. Es ist schon ein tolles Gefühl wenn du weist, dein Partner verfügt über ähnlich viel  Erfahrung, Wissen und Voraussicht. Dies ließ mich beruhigt einschlafen. Wir hatten uns gegenseitig versprochen, dass niemand von uns Nachts alleine das Cockpit verlässt um irgendetwas an Deck zu machen.
Geweckt wurde ich dann erst um 1:00 Uhr. Es sei so super gelaufen und sie sei auch noch nicht müde gewesen. Das konnte ich nach meiner anschließenden Wache bestätigen. Die vier Stunden waren kurzweilig. Hier im Norden wir es zu dieser Jahreszeit gar nicht so richtig dunkel, auch nicht bei Neumond. Außer dem erkennt man Nachts durch die Beleuchtung Seezeichen und andere Schiffe wesentlich besser als Tags.
Langsam wich die Nacht dem Farbenspiel der aufgehenden Sonne. Dem Sonnenaufgang entgegen zu segeln ließ uns nicht mehr schlafen so eindrucksvoll war dies Schauspiel. Erst später konnten wir abwechselnd den zu wenigen Schlaf nachholen. Die Zeit verliert an Bedeutung, man lebt viel mehr nach seinen Bedürfnissen als nach der Uhr. E ist egal, wenn erst mittags gefrühstückt wir.

Windy hatte für den zweiten Tag nachmittags abnehmende Winde von 20 Kn bis auf 4 Kn vorhergesagt. Hätten wir nicht gebraucht, wären lieber weiter gesegelt. Aber die Vorhersagen stimmten zu 100% und gegen 15 Uhr war der Wind eingeschlafen. Die See bekam eine ölige Oberfläche und so begann der zweite Streckenabschnitt unter Motor. Der sollte dann erst wieder in Cuxhaven ausgemacht werden. Entsprechend der Vorhersage war nachts kein Wind vorhergesagt und der anschließende Vormittag sollte schwach windig bleiben.
Einzig allein die Fahrt über die Elbe bis Cuxhaven bescherte uns bei ablaufender Flut noch kräftig Gegenstrom. Die Alternative wäre gewesen vor der Einfahrt in die Elbe zu ankern und die Kenterung des Stroms abzuwarten. Wir entschieden uns jedoch dagegen und ließen den Motor weiter laufen. Unter Motor ein Segelboot zu fahren ist halt unspannend und was gibt es davon schon zu berichten außer einer ständigen monotonen Geräuschkulisse?

Wir hatten unser erstes Ziel erreicht, holten noch ein wenig Schlaf nach, räumten das Schiff auf und genossen einen wunderbaren Sommertag in Cuxhaven. Morgen geht es um 10 Uhr weiter die Elbe hoch, dann mit der mitlaufenden Strömung nach Brunsbüttel, um dann durch den Nord Ostsee Kanal nach Kiel zu fahren.

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